Es gibt diese Namen, die man jahrelang mit sich herumträgt, ohne sie wirklich zu kennen. Anton Corbijn war für mich lange so einer. Die körnigen Schwarzweiß-Cover von Depeche Mode, das vermummte Joy-Division-Video, das ich als Teenager rauf und runter geschaut habe — all das stammt von ihm. Nur wusste ich das damals nicht. Den Namen habe ich erst viel später gelernt. Und als ich hörte, dass das Fotografiska Berlin ihm eine große Retrospektive widmet, war für mich klar: Da fahre ich hin. Praktisch für mich: ich war wegen der re:publica eh in der Stadt. Das Fotografiska sitzt im alten Tacheles, dem legendären Haus an der Oranienburger Straße, das nach der Wende jahrelang Ruine, Künstlerkolonie und Sehnsuchtsort zugleich war und heute ein Fotomuseum beherbergt.
Kurz zur Person: Anton Corbijn ist Niederländer, Jahrgang 1955, aufgewachsen in einem kleinen Ort südlich von Rotterdam. 1979 zog er nach London — nicht wegen eines Jobs, sondern weil er als Fan unbedingt Joy Division näher sein wollte. Innerhalb von zwei Wochen hatte er ein Shooting mit der Band organisiert. Aus diesem schüchternen Typen mit der Kamera seines Vaters wurde über die Jahre der Mann, der das visuelle Erscheinungsbild von Depeche Mode und U2 über drei Jahrzehnte geprägt hat: Plattencover, Pressefotos, Bühnenbilder, Musikvideos. Wenn du ein Bild dieser Bands im Kopf hast, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es von ihm stammt.
Die Schau heißt schlicht Corbijn, Anton und zieht sich durch fünf Jahrzehnte. Über dem Eingang hängt das Banner, das eigentlich schon alles erzählt: Einstürzende Neubauten, Berlin, 1983. Drei nackte Körper, ineinander verschränkt, grobkörnig, hart. So sieht ein Corbijn aus, noch bevor du den Bildtitel gelesen hast.

Corbijns Signatur
Was macht ein Bild zu einem Corbijn? Zuallererst das Korn — diese sichtbare Körnigkeit, die früher von hochempfindlichem Schwarzweiß-Film kam und die er bis heute kultiviert. Dazu ein harter Kontrast, der die Haut fast wegzuätzen scheint und trotzdem jede Falte stehen lässt. Vieles davon ist Absicht, manches kommt schlicht daher, dass Corbijn nie eine Fotoschule besucht hat. Er ist Autodidakt, und genau diese fehlende technische Glätte gibt seinen Bildern ihren rauen, dunklen Charakter. Eine seiner Lieblingsmethoden: lange Belichtungszeiten, bei denen sich die kleinen Bewegungen seiner Modelle ganz leicht in der Aufnahme niederschlagen. So entsteht diese eigentümliche Mischung aus Schärfe und Unruhe.
Bono, David Bowie, Clint Eastwood, Prince, Tom Waits — sie alle wurden tausendfach abgelichtet. Und trotzdem schaut dich hier jemand an, den du so noch nicht gesehen hast. Das ist Corbijns eigentliches Können: Nähe trotz Distanz. Die Ikone bleibt Ikone, aber für einen Moment kippt sie ins Verletzliche. Im Fotografiska hängen diese Porträts großformatig und mit viel Luft drumherum, sodass man ihnen tatsächlich begegnet, statt nur an ihnen vorbeizugehen.




Die Videos im Nebenraum
Und dann kam der Moment, der mich daran erinnert hat, warum Corbijn überhaupt so prägend (für mich) ist. Er hat den Bands nicht nur Cover gemacht — er hat ihnen ihr bewegtes Bild gegeben. Seine Musikvideos sind im Grunde seine Fotos in Bewegung: dieselbe Körnigkeit, derselbe Kontrast, oft in Schwarzweiß, und Landschaften und Städte werden zu eigenständigen Figuren neben den Musikern. Im dunklen Nebenraum liefen die Clips in Dauerschleife, und ich bin einfach stehen geblieben.
Falls du das zu Hause nachholen willst, hier meine Linkliste — alle Videos hat Corbijn selbst inszeniert:
- Depeche Mode – Enjoy the Silence (1990) — Dave Gahan als König, der mit einem Liegestuhl durch wechselnde Landschaften zieht und einen ruhigen Platz sucht. Für mich das schönste Musikvideo überhaupt.
- Depeche Mode – Personal Jesus (1989) — Spaghetti-Western-Stimmung im spanischen Almería, Lederkluft und Staub.
- Joy Division – Atmosphere (1988) — die vermummten Figuren, die das Bild von Joy Division bis heute prägen. Entstanden Jahre nach Ian Curtis’ Tod als nachträgliche Hommage.
- U2 – One (Anton-Corbijn-Version, 1992) — gedreht in den Berliner Hansa Studios, mit Trabants. Eine von mehreren Versionen, die es zu diesem Song gibt.
- Nirvana – Heart-Shaped Box (1993) — Mohnfeld, Kreuzigung, knallige Farben. Eines von Kurt Cobains letzten großen Videos.
- Coldplay – Viva la Vida (Corbijn-Version, 2008) — eine späte, sichtbare Verbeugung vor „Enjoy the Silence".
- Playlist: Music Videos Directed By Anton Corbijn (1983–1999) — zum Durchklicken, wenn du tiefer einsteigen willst.
Bruce Gilden — der zweite Fotograf
Auf der Etage darüber dann diese Glastür mit den ausgeschnittenen Lettern, dahinter ein Gesicht. Hier beginnt der zweite Teil der Ausstellung, und hier wurde es sehr kontrastvoll.
Bruce Gilden, geboren 1946 in Brooklyn, ist seit 1998 Mitglied der renommierten Fotoagentur Magnum und gilt als einer der bekanntesten — und umstrittensten — Streetfotografen der Welt. Sein Markenzeichen ist die radikale Nähe. Mit einer Leica in der einen und einem Blitz in der anderen Hand geht er auf der Straße auf Menschen zu, die er „Charaktere" nennt, beugt sich aus kürzester Distanz vor sie und löst aus. Oft sind es nur dreißig Zentimeter, der Blitz feuert mitten ins Gesicht, und gefragt wird vorher nicht. Daraus ist über die Jahre seine Serie Faces entstanden — extreme Nahporträts, und sie sind alles andere als bequem.

Hier gibt es keine Ikonen. Hier gibt es Poren, geplatzte Äderchen, krude Tattoos, schiefe Zähne, ein Dollarzeichen mitten im Gesicht. Eine Frau, deren halbes Gesicht hinter wirrem Haar verschwindet, ein grünes Auge, das dich festnagelt. Gilden schönt nichts und weicht nicht aus — und genau das macht es so schwer, wegzusehen.
Ganz unwidersprochen ist diese Methode nicht, und das gehört zur Ausstellung dazu. Wer ungefragt so dicht an fremde Gesichter herangeht, bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen schonungslosem Realismus und Übergriff. Kritiker werfen Gilden vor, seine Bilder würden die Porträtierten eher bloßstellen als zeigen; seine Verteidiger sehen genau in dieser Kompromisslosigkeit die Ehrlichkeit. Beim Gang durch die Räume kann man beides nachvollziehen — und vielleicht ist gerade dieses Unbehagen der Punkt.



Ich hatte kürzlich eine Doku über Gilden gesehen. Fand seine Arbeiten radikal, Menschen mitten auf der Straße den Blitz ins Gesicht zu halten und abzudrücken. Umso größer die Freude, den Gang mit den getönten Großformaten zu betreten. Da hängen eben jene Straßenszenen, Autos, Menschenmengen — und mittendrin immer wieder diese Gesichter. Der Raum ist in gedämpftem Grün gehalten, was die Bilder noch näher an einen heranrückt.

Zwei Signaturen, ein Thema
Am Ende stand ich draußen, den Fernsehturm im Blick, und habe gemerkt: Ich bin wegen Corbijn gekommen, aber Gilden hat mich heftig bewegt. Das Schöne an dieser Doppelausstellung ist, dass beide im Grunde dasselbe fotografieren — das menschliche Gesicht — und dabei zu komplett gegensätzlichen Bildern kommen. Corbijn nimmt die Berühmten und macht sie für einen Moment greifbar; er arbeitet mit Distanz, Geduld und Korn. Gilden nimmt die Übersehenen und macht sie unausweichlich; er arbeitet mit Blitz, einem Schritt zu viel und ohne Sicherheitsabstand. Beide Wege führen zu Bildern, die man nicht so schnell wieder vergisst.
