Es gibt diese heißen Tage im Sommer, an denen niemand mehr Lust auf den Backofen hat. Bei uns zu Hause ist das der Moment, an dem die Pfanne rauskommt. Nicht zum Grillen, nicht für Bratkartoffeln — sondern für Plinsen.
Das Rezept ist keine Erfindung von mir. Meine Tante hat es Mitte der 50er Jahre aus einem Kochbuch abgeschrieben und in der Familie eingeführt. Seitdem gehört es zum Sommer wie die ersten warmen Abende. Mein Vater hat die Tradition weitergetragen, und irgendwann habe ich die Pfanne von ihm übernommen. „Tradition verpflichtet" steht über dem Rezept — und genau so fühlt sich das auch an.
Moment mal — sind das nicht einfach Pfannkuchen?
Nein. Und das ist mir wichtig, weil ich diese Diskussion am Esstisch schon oft geführt habe.
Der Name kommt aus dem Slawischen und wurde in Ostdeutschland aus dem Sorbischen entlehnt: plinc oder dialektal blinc, ursprünglich ein dünner Buchweizenkuchen. Verwandt ist das Wort mit den russischen Bliny. Eine Plinse ist im Ostmitteldeutschen ein runder Eierkuchen in Pfannengröße oder kleiner — so weit klingt das tatsächlich nach Pfannkuchen.
Der Unterschied steckt im Teig. Anders als beim klassischen Eierkuchen kommt bei der Plinse oft noch Hefe oder Natron dazu. Bei uns ist es Hefe. Das macht den Teig dicklicher, lockerer, ein bisschen aufgegangener — keine dünne, blasse Crêpe, sondern etwas mit Biss und Charakter. Wer in der Lausitz statt Vollmilch Buttermilch nimmt, bekommt die berühmten „Buttermilchplinsen". Der Punkt ist: Plinse ist nicht gleich Pfannkuchen. Es ist eine eigene Sache, mit eigenem Namen und eigener Herkunft.
Das Rezept
Hier ist die Familienversion, so wie sie seit den 50ern weitergegeben wird.
| Zutat | Menge |
|---|---|
| Milch | 3/4 l |
| Hefe | 25 g |
| Salz | 2 Prisen |
| Zucker | 25 g |
| Eier | 2 bis 3 |
| Mehl | 375 g |
| Speck zum Fetten des Tiegels | 1 Stückchen |
So geht’s:
- In der Milch die zerbröckelte Hefe verquirlen. Salz, Zucker und die Eier zufügen, dann löffelweise das möglichst gesiebte Mehl unterschlagen.
- Diesen Teig mindestens eine Stunde gehen lassen. Anschließend noch einmal gut durchrühren und wie Eierkuchen kleinweise auf beiden Seiten goldbraun backen.
- Beim Plinsenbacken erhitzt du nicht reichlich Fett im Tiegel. Es genügt, wenn du ein Stück Speck oder eine Speckschwarte an die Gabel spießt und damit die Pfanne fettest. (Ich nutze Rapsöl, mit dem ich ein Küchentuch tränke.) Nach alter Tradition kommt statt der Pfanne ein eigenes „Plinseneisen" zum Einsatz.
Zwei Dinge, die den Unterschied machen: Die Milch sollte lauwarm sein, und nimm frische Hefe. Mit beidem geht der Teig zuverlässig auf. Danke des warmen Sommerwetters, geht der Teig in seiner 1stündigen Gehzeit richtig krass auf.
Wie wir sie essen
Am liebsten ganz klassisch und süß. Zwei Varianten gibt es bei uns:
- Butter und Zucker — die schnelle, die immer geht
- Butter und Erdbeermarmelade — die richtig sommerliche
Beides braucht keine Erklärung. Eine warme Plinse, ein Stückchen Butter, das in den Hefeteig zieht, und obendrauf Zucker oder Marmelade. Und dann rollen. Mehr ist nicht nötig.
Was mir bei dem Rezept gefällt: Es ist kein großes Kochen. Kein langer Einkaufszettel, keine Spezialzutaten. Hefe, Mehl, Milch, Eier — das hat man im Haus. Und trotzdem ist es jedes Mal ein kleines Ereignis, weil eben nicht jeder Tag ein Plinsen-Tag ist.
Vielleicht ist genau das der Trick mit Familientraditionen. Sie funktionieren nicht, weil das Rezept so kompliziert wäre, sondern weil jemand sich die Mühe macht, sie weiterzugeben. Meine Tante hat angefangen, mein Vater hat es übernommen, jetzt stehe ich an der Pfanne. Und an einem dieser heißen Sommertage werde ich das Plinseneisen an meine Töchter weiterreichen.
