Warum die Huffington Post für Digital-Deutschland eine Chance ist

Am 10.10.2013 pünktlich um 10:10 Uhr startete die Huffington Post unter großer medialer Aufmerksamkeit ihre Deutschland-Ausgabe. Während der gestreamten Pressekonferenz verkündeten und verkörperten Arianna Huffington, Cherno Jobatai und Sebastian Matthes eine neue Ära des Journalismus in Deutschland.

Ich habe mit dem Schreiben dieses Beitrags sehr lange gewartet. Im Vorfeld gab es viel Kritik, die auch ich übte. Vom „Anti-Geschäftsmodell des Journalismus“ wurde gesprochen. Nach dem Going-Live gab es Spott ob des Designs – wer hätte gedacht, dass es einmal ein Medium geben würde, welches die Schlagzeilen noch größer schreibt, als es das Springer-Blatt mit den 4 Buchstaben tut.
Ich habe meine Kritik am Geschäftsmodell zurückgestellt, denn die Huffington Post kann mit dem Start ihrer Deutschland-Ausgabe Teil eines positiven Veränderungsprozesses hierzulande sein.

Dazu muss man die Funktionsweise des „Blattes“ verstehen: Die Huffington Post beschäftigt „ein paar“ Journalisten und bietet „sehr vielen“ Bloggern und Gastautoren die Möglichkeit, auf der Plattform Geschriebenes zu veröffentlichen. Ein Team von Technikern optimiert die Beiträge für Suchmaschinen, Wettbewerb und soziale Medien.
Das Ziel: Maximale Reichweite mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln generieren.

Kritik am Geschäftsmodell: Die Blogger werden nicht bezahlt, liefern Content, den die Huffington Post (in Deutschland in Kooperation mit TomorrowFocus) zur Monetarisierung und Gewinnerzielung nutzt. Lediglich Reichweite und Ruhm wird den Gratis- & Hobbyautoren versprochen. Es entsteht eine Kostenloskultur und fragwürdige Qualitäts-Standards werden salonfähig. Wenige Tage nach Start in Deutschland finden sich bei beteiligten Bloggern „Journalist bei Huffington Post, München“ im Lebenslauf bei Facebook, XING & LinkedIn. Auf einmal ist jeder Journalist.

Warum also soll das oben beschriebene Modell irgendetwas Gutes, Neues, Zukunftsweisendes in sich tragen?

1. Vision für Unternehmer: nutze die Möglichkeiten
Im August diesen Jahres ist das Leistungsschutzrecht in Kraft getreten. Das Gesetz wurde durch Lobbyisten der Verlage angestrengt, um zu unterbinden, dass Suchmaschinen in den Trefferlisten Verweise zu online verfügbaren Artikeln von Journalisten ausweisen. International einmalig, hat dieses Gesetz bewiesen, in welchem Neandertal sich Digital-Deutschland befindet. Anstatt sich dem Wettbewerb und den Möglichkeiten zu stellen und auf das veränderte Nutzerverhalten zu reagieren, wird Wettbewerb mit Gesetzen unterbunden und der Kunde bevormundet.
Und nun, 2 Monate nachdem Google eigentlich alle Verweise zu journalistischen Angeboten aus seinem deutschen Index genommen hat, betritt mit der Huffington Post ein Unternehmen das Spielfeld, welches sein Wachstum explizit und gezielt mit Hilfe von Suchmaschinen erreichen will und dazu mit hohem technischem Aufwand alle Beiträge entsprechend suchmaschinen-optimiert und für die digitale Weiterverbreitung in Form schleift. Auch wenn die Mitarbeiter der Huffington Post Pressemitteilungen lediglich wiederkäuen sollten, erreichen diese Beiträge eher die Zielgruppe (den Leser), als es die Texte der klassischen Journaille tun.

2. Vision für Unternehmer: Traue keinem Blatt Papier
Die Arbeitswelt ist im Wandel. Fluktuation, Selbstständigkeit und Selbstbestimmung – Deutschland hat ein Problem mit selbstbewussten Arbeitnehmern. Hierzulande ist nur kompetent, wer einen gleichlautenden Hochschulabschluß in Händen hält. In anderen Ländern ist es mittlerweile Gang und Gebe, dass die Eignung für einen Job bzw. ein Projekt alleinig an der Leistungsfähigkeit und Qualität der Arbeit einer Person/eines Teams ermittelt wird. Bei uns zählt Praxiserfahrung solange nichts, wie sie nicht bildungspolitisch mit einem offiziellen Zertifikat bescheinigt ist. Seit Jahren steigt u.a. deshalb die Abiturientenquote in schwindelerregende Höhen und Massen von Studenten quetschen sich in Hörsäle. Ein Studium sorgt für den schriftliche Nachweis theoretischer Kompetenz – jedoch nicht immer für das Können. Die Huffington Post pfeift darauf. Arianna Huffington hat bei der Pressekonferenz davon gesprochen, dass die Blogger Spaß an ihrer Arbeit haben und sich einbringen möchten. Die Huffington Post nutzt dieses Potential konsequent. Man kann die Frage nach Qualität stellen. Aber die Antwort werden die Klickquoten schon liefern. Unternehmen, die Personen und Teams an sich binden die brennen, profitieren mehr von dieser Dynamik als der von Zertifikaten. Manch „Hobby“-Schreiber jongliert besser mit Worten und trifft den Zeitgeist seiner Leser besser als „klassische“ Journalisten. Dieses Umdenken schmerzt – vor allem denjenigen, die bisher ihr eigenes Ding gemacht haben, vorbei an ihren „Kunden“. Die Huffington Post kann zum Umdenken beitragen, wenn unter ihren Gratis-Autoren journalistische Könner sind (die bisher ohne Ausbildung keine Chance in der Branche bekamen).

Ein Funke Kritik bleibt: Aus meiner Sicht sollten Unternehmen keine „Kostenlos-Kultur“ als Geschäftsgrundlage einführen. Langfristig entsteht hierdurch volkswirtschaftlicher Schaden, weil die Kaufkraft gesenkt wird. Leistung muß bezahlt werden. Qualität sinkt ohne finanzielle Gegenleistung. Was spricht bei der Huffington Post gegen einen autorenbezogenen Flattr-Button unter dem Artikel. Wer gut schreibt, bekommt einen Obulus dafür – wer schlecht schreibt, bekommt nichts. Auch hier bietet die Technik Lösungen.

Fazit:
Die Huffington Post wirbelt Digital-Deutschland durcheinander. Und wie jeder Tornado wird es auch hierbei Kollateralschäden geben, die andere Wirtschaftsbereiche deutlich zu spüren bekommen werden. Es bleibt abzuwarten, ob Unternehmen die Huffington Post als Konkurrenten erkennen, den es mit allen Mitteln der Kunst und Technik anzugreifen gilt. Auf jeden Fall hat die Huffington Post das Potential, konservativ eingestellten Unternehmen endlich die Augen für eine veränderte Wirklichkeit zu öffnen.

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