Es gibt Momente auf Reisen, da schaut man nicht nur, sondern vergleicht. Und manchmal tut dieser Vergleich weh. Aarhus, zweitgrößte Stadt Dänemarks, hat mir so einen Moment beschert – direkt am Hafen, zwischen salziger Brise, Holzdecks und Menschen, die den öffentlichen Raum sichtbar leben.

Das Hafenbad – Architektur, Technik und Lebensqualität

Ein paar Schritte vom Zentrum entfernt öffnet sich am Wasser das Havnebadet Aarhus. Entworfen vom renommierten Architekturbüro Bjarke Ingels Group (BIG) und 2018 eröffnet, ist es mehr als ein Schwimmbad. Es ist ein Versprechen, dass öffentlicher Raum nicht nur funktional, sondern auch schön und zugänglich sein darf.

Die Anlage schwimmt – wortwörtlich. Unter dem weitläufigen Holzdeck liegt ein technisch ausgeklügeltes System zur Wasseraufbereitung. Ein 2000 m² großer Bio-Filter reinigt das Hafenwasser mithilfe von Mikroorganismen, gesteuerten Zu- und Abläufen sowie Phosphorabscheidung. Das Ergebnis: Badewasserqualität ohne chemische Zusätze.
Das Angebot:

  • 50-Meter-Becken für sportliches Schwimmen
  • Tauchbecken für den schnellen Frischekick
  • Kinderbecken mit seichtem Wasser
  • Zwei öffentliche Saunen für den Winterbetrieb
  • Umkleiden, Duschen, Trinkwasserstationen – alles barrierefrei
Strandbad am Hafen von Aarhus – schwimmend, offen, einladend
Strandbad am Hafen von Aarhus – schwimmend, offen, einladend

Urbaner Strand und Wassersportzone

Ein paar Meter weiter liegt ein künstlich angelegter Sandstrand. Kinder buddeln, Erwachsene sitzen mit Kaffee in der Hand auf den hölzernen Stufen zum Wasser. Keine Zäune, keine Eintrittsschleusen – einfach hingehen, einfach sein.

Daneben die Wassersportzone: SUPs, Kajaks, kleine Segelboote. Alles eingerahmt von kleinen Cafés, Streetfood-Ständen und lokalen Shops. Hier ist nichts hochglanzpoliert im Sinne eines Investoren-Renderings. Es wirkt wie gewachsen – und genau das macht es so angenehm.

Künstlicher Sandstrand mit Blick auf die Hafenkante
Künstlicher Sandstrand mit Blick auf die Hafenkante

Menschenzentrierte Planung in Reinform

Aarhus zeigt hier, wie User Centricity im städtischen Raum aussehen kann. Es ist nicht nur ein „Ort“, es ist ein System von Orten: Freizeit, Sport, Gastronomie, Begegnung – alles nahtlos verbunden. Man kann von der Sauna direkt zum Espresso, vom SUP ins Meer und anschließend barfuß durch den Sand zurück in die Stadt.

Technik, Design und Aufenthaltsqualität greifen ineinander. Die Stadtplanung orientiert sich am Menschen, nicht am maximalen Quadratmeterpreis.

Blick auf den Hafen – Freizeit und Wohnen in direkter Nachbarschaft
Blick auf den Hafen – Freizeit und Wohnen in direkter Nachbarschaft

Hamburg um die Jahrtausendwende – und heute

Als Hamburger erinnere ich mich gut an die späten 1990er und frühen 2000er. Die Elbe war damals gesäumt von Beach-Clubs, die das Wasser für viele erst erlebbar machten:

  • Hamburger City Beach Club am Fischmarkt
  • Hamburg del Mar an den Landungsbrücken
  • StrandPauli (als einer der wenigen heute noch existent)
  • Bali Beach Club und kleinere temporäre Locations zwischen Övelgönne und Altona
  • Pop-up-Strände mit Sand, Liegestühlen und freiem Blick auf Schiffe

Es waren Orte, an denen man nach Feierabend den Sand unter den Füßen spüren konnte, ohne Urlaub zu nehmen. Heute? Die meisten sind verschwunden. Ersetzt durch Betonpaläste, Bürokomplexe und zugepflasterte Promenaden. Das Elbufer ist investorenfreundlich – aber nicht unbedingt bürgerfreundlich.

Wohnbebauung am Hafen von Aarhus – mit öffentlichen Freiräumen davor
Wohnbebauung am Hafen von Aarhus – mit öffentlichen Freiräumen davor

Der bittere Unterschied

In Aarhus ist die Wasserkante öffentlich, erlebbar und kostenfrei. In Hamburg dagegen hat man oft das Gefühl, Gast auf einer Hochglanzmesse zu sein, für die man kein Ticket hat. Der Zugang zum Wasser ist formal möglich, aber emotional versperrt. Es fehlen Orte, an denen man einfach bleiben kann.

Das Paradoxe: Hamburg rühmt sich, „Tor zur Welt“ zu sein – aber im Alltag wirkt die Stadt eher wie ein umzäunter Vorhafen für Investoreninteressen. Dänemark hingegen baut Zugbrücken zu seinen Bürger:innen.

Was Hamburg von Aarhus hätte lernen können

  1. Freiräume nicht als Restflächen behandeln
    In Aarhus sind Freiräume zentraler Bestandteil der Planung, nicht das Abfallprodukt nach der Investorenkalkulation.

  2. Technik im Dienst der Öffentlichkeit
    Das Hafenbad ist High-Tech – aber nicht als Prestigeobjekt, sondern als funktionierende, niedrigschwellige Infrastruktur.

  3. Erreichbarkeit und Einfachheit
    Kein Eintritt, keine Sperrzäune, keine Hürde außer „Komm vorbei“.

  4. Nutzungsmischung
    Wohnen, Sport, Gastronomie und Kultur in fußläufiger Nachbarschaft. Keine sterile Mononutzung.

Fazit

Aarhus hat mir gezeigt, wie eine Stadt am Wasser aussehen kann, wenn der Mensch im Mittelpunkt steht. Es ist ein Modell, das technisch anspruchsvoll, architektonisch hochwertig und gleichzeitig alltagsnah ist. Hamburg könnte es sich leisten – finanziell und planerisch. Es müsste nur wollen.


Vielleicht wird es Zeit, dass wir uns als Hafenstadt wieder am Wasser orientieren – nicht am Investorenprospekt.